Vorwort

 

zum 75. Band der „Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte“

 

 

In ihrem Werden und Wachsen spiegeln die „Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte“ (NNU) die Entwicklung und Emanzipation unserer Wissenschaft im niedersächsischen Raum wider, deren Wurzeln weit ins 19. Jahrhundert zurückreichen, wenn wir von noch älteren tastenden Versuchen und Vorarbeiten absehen.

 

Schon seit der ersten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts waren Mitteilungen über urgeschichtliche Funde und Berichte zu Forschungen über das heimische Altertum eng mit dem Historischen Verein für Niedersachsen (H. V.) sowie dessen Publikationsorganen verbunden, und unsere heutige Zeitschrift hat mancherlei direkte oder indirekte Vorläufer.

 

Der H. V. wurde im Jahre 1835 gegründet. Den jahrhundertealten, mit schwankenden räumlichen Definitionen versehenen Namen Niedersachsen benutzte man in Anlehnung an den 1522 erstmals so genannten Niedersächsischen Reichskreis, obgleich dieser im Norden und Nordosten weit größere Räume umfasste, im Westen aber nur bis an die Weser reichte. Jetzt verwendete man den Namen für das Königreich Hannover und das Herzogtum Braunschweig, wobei Oldenburg, Bremen und Schaumburg-Lippe mindestens gedanklich einbezogen wurden.

 

Als Hauszeitschrift übernahm man das „Vaterländische Archiv für hannoversch-braunschweigische Geschichte“ („Herausgegeben von einem Vereine vaterländischer Geschichtsfreunde“), das seit 1819 Vorläufer unter etwas wechselnden Bezeichnungen gehabt hatte und nun den Namen „Vaterländisches Archiv des Historischen Vereins für Niedersachsen“ bekam. Ab 1845 hieß es nur „Archiv“ des H. V. und seit 1850 bis 1923 „Zeitschrift“ des H. V. Von da an bis 1929 trug das Organ den Namen „Niedersächsisches Jahrbuch“ und ab 1930 „Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte“.

 

Verschiedene urgeschichtlich interessierte Mitglieder des H. V. publizierten auch im „Hannoverschen Magazin“ (1763‑1850), einem allgemein informierenden Periodicum. So lieferte bereits 1833 G. H. W. Blumenbach, Sohn des berühmten Naturforschers, einen beachtenswerten „Wegweiser für alterthümliche Forschungen“; er hatte sich schon 1820 mit Fragen des heimischen Altertums beschäftigt. 1841 brachte der H. V. die zunächst als Fortsetzungsreihe im „Hannoverschen Magazin“ veröffentlichte „Statistik der im Königreiche Hannover vorhandenen heidnischen Denkmäler“ von J. K. Wächter als eigenen Band heraus.

 

Der genannte Forstrat Wächter publizierte dann 1845 im „Archiv“ des H. V. eine wichtige „Instruction in Beziehung auf Erhaltung der Denkmäler aus heidnischer und späterer Zeit, die in die Linie der Eisenbahn fallen“; wir fühlen uns an Autobahn- und ICE-Trassen erinnert. Nicht unerwähnt bleiben darf das 1846 in Hannover im damaligen Hausverlag des H. V. erschienene überregional beachtete Werk von G. O. C. von Estorff, eines Mitgliedes des Vereins, betitelt „Heidnische Alterthümer der Gegend von Uelzen im ehemaligen Bardengaue“. In den Jahrgängen 1851 und 1852 der Zeitschrift des Historischen Vereins brachte G. H. W. Blumenbach Gedanken über „Resultate aus germanischen Gräbern“, wobei er auch das berühmte Bronzerasiermesser „aus der Gegend von Bremen“ vorlegte.

 

Während der Jahre 1851 bis 1855 lebte der englische Germanist J. M. Kemble in Hannover, wo er dem H.V. in engster Tätigkeit verbunden war. „Im Interesse des Vereins“ soll er die unglaubliche Zahl von mehreren hundert Hügelgräbern in den späteren Kreisen Soltau und Uelzen „geöffnet“ haben, worüber kurz in den Jahrgängen 1851 und 1852 der Zeitschrift des H.V. berichtet wird.

 

Im Jahre 1861 kam J. H. Müller an das Welfen-Museum nach Hannover und wurde bald auch Konservator der Sammlungen des H.V. sowie Mitherausgeber von dessen Zeitschrift. Seine große Leistung war das 1893 posthum von J. Reimers herausgegebene Buch „Vor- und frühgeschichtliche Alterthümer der Provinz Hannover“; ein Inventar, gewissermaßen als Fortsetzung und vielseitige Erweiterung des Waechterschen Werkes.

 

Die Ära von C. Schuchhardt als Direktor des hannoverschen Kestner-Museums (1888‑1908) war von neuen Aktivitäten und Ansätzen geprägt. Zwar veröffentlichte er in der Zeitschrift des Historischen Vereins nur wenige und knappe Artikel, da seine Interessen auch überregional ausgerichtet waren. Doch vollendete er im Auftrage des Vereins das von A. von Oppermann begonnene wegweisende Tafelwerk des „Atlas vorgeschichtlicher Befestigungen in Niedersachsen“ (1888 - 1916) und gab ‑ ebenfalls für den Historischen Verein für Niedersachsen ‑ den ersten Band der Reihe „Die Urnenfriedhöfe in Niedersachsen“ heraus.

 

H. Hahne als erster hauptamtlicher Leiter der prähistorischen Abteilung des Provinzialmuseums (1907 - 1912) hat zwar nie in der Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen publiziert, jedoch häufig und mit teils größeren Arbeiten ‑ wie andere vor ihm ‑ in dem seit 1904 erscheinenden „Jahrbuch des Provinzialmuseums zu Hannover“. Hier deutet sich eine erste Verselbständigung an. Auch hatte er ein mehrbändiges Werk „Vorzeitfunde aus Niedersachsen“ geplant, das jedoch erst 1925 in stark reduziertem Umfang mit wenigen Beiträgen erscheinen konnte. Zu Hahnes Zeiten spaltete sich ein „Hannoverscher Landesverein für Vorgeschichte“ vom Historischen Verein ab, erlangte aber keine Bedeutung.

 

Kurz nach dem Kriege, durch Vertrag vom 29.11.1919, brachte K. H. Jacob(-Friesen) ‑ seit 1913 in Hannover ‑ diesen „Landesverein“ wieder in den H. V. ein, worin er dann eine „Vorgeschichtliche Abteilung“ bildete. In dessen Auftrag und dem des Provinzialmuseums erschien in drei Jahrgängen (1920 - 1923) das „Nachrichtenblatt für Niedersachsens Vorgeschichte“ als Anhang zur Zeitschrift des Historischen Vereins; denn es hatte sich gezeigt, dass es sinnvoll sei, die nun wieder vorgesehenen prähistorischen Aufsätze zusammenzufassen und regelmäßig erscheinen zu lassen. Die wirtschaftliche Katastrophe der Inflation machte es dem Historischen Vereins unmöglich, weiterhin eine eigene Zeitschrift herauszugeben, die unter diesem Titel mit dem Jahre 1923 endete. Dank der Historischen Kommission für Niedersachsen, die als Herausgeberin hinzutrat, konnte dann ab 1924 als Weiterführung das „Niedersächsische Jahrbuch“ (später: „Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte“) erscheinen, dessen drei Bänden bis 1926 das „Nachrichtenblatt für Niedersachsens Vorgeschichte N.F. 1 - 3“ angefügt war.

 

Das Interesse an der heimischen Ur- und Frühgeschichte hatte sich ‑ nicht zuletzt dank der seit 1923 vom hannoverschen Museum durchgeführten zahlreichen Lehrgänge ‑ stark vergrößert. So wurde es bald möglich gemacht, den urgeschichtlichen Teil des Niedersächsischen Jahrbuchs auch gesondert zu beziehen. Unter nunmehr geändertem Titel erschien im Jahre1927 das Heft 1 der „Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte“. Somit war eine eigene urgeschichtliche Zeitschrift geschaffen, zu der als Monographienreihe im folgenden Jahr mit dem Werk von K. H. Jacob-Friesen „Grundfragen der Urgeschichtsforschung“ als Band 1 die „Veröffentlichungen der urgeschichtlichen Abteilung (später: „Sammlungen“) des Provinzialmuseums (später: „Landesmuseums“) zu Hannover“ traten. Das Jahrbuch des Provinzialmuseums mit Beiträgen aus allen seiner drei Abteilungen wurde bald darauf (1931) aus Gründen publizistischer Ökonomie und fachlicher Straffung eingestellt. In positiver Konsequenz der Urgeschichts-Lehrgänge gründete man im Jahre 1932 die „Arbeitsgemeinschaft für die Urgeschichte Nordwestdeutschlands“, als deren Mitteilungsblatt „Die Kunde“ erschien und sich als „kleinere Schwester“ den NNU zugesellte. Im Jahre 1950 wurde der „Niedersächsische Landesverein für Urgeschichte“ Nachfolger der „Arbeitsgemeinschaft“.

 

Nach dem Tode von K. H. Jacob‑Friesen im Jahre 1960 übernahm H. Jankuhn seit Band 30 die Schriftleitung der NNU, die zusammen mit dem Niedersächsischen Jahrbuch ab Band 32, 1962 ein etwas größeres und damit gerade für unser Fach günstigeres Format erhielten. Von Band 38, 1969 an erschienen die NNU als selbständige Zeitschrift und als Organ der neu gegründeten „Archäologischen Kommission für Niedersachsen“, welche die Herausgeberschaft übernahm. Mit Band 59, 1990 erfolgte dann eine weitere sachgerechte Vergrößerung des Formats. Seit 1995 (Band 64/1 u. 2) geben die „Archäologische Kommission für Niedersachsen“ und die Denkmalfachbehörde des Landes (bis 1997 „Institut für Denkmalpflege“, ab 1998 „Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege“) die NNU gemeinsam heraus. Bereits seit 1981 bzw. 1984 lag die Koordination und Schriftleitung beim Landesamt. Auf Beschluss der Archäologischen Kommission wurde 1995 der jeweils zweite Teilband der Fundchronik gewidmet, deren Schriftleitung und Redaktion ebenfalls im Landesamt arbeitet. Die landesweite alljährliche Fundchronik erscheint seit 1998 als eigenes „Beiheft“ der NNU. Herausgeber und Schriftleitung steht seit 1978 ein erweitertes Redaktionskollegium zur Seite, das die Beiträge fachlich prüft und die Autoren berät.

 

A route to the roots

habent sua fata libelli

 

Gernot Jacob-Friesen

 

 

Weiterführende Literatur:

 

Asmus, W.D. 1952: Die Urgeschichts‑Abteilung als Erbe und Träger prähistorischer Forschung. In: Hundert Jahre Niedersächsisches Landesmuseum zu Hannover. Hannover 1952, 78‑118.

Claus, M. 1952: Zusammenstellung der Druckwerke des Provinzialmuseums bzw. des Niedersächsischen Landesmuseums zu Hannover. In: Hundert Jahre Niedersächsisches Landesmuseum zu Hannover. Hannover 1952, 128‑138.

Gummel, H. 1951: John Mitchell Kemble in seiner Bedeutung für die niedersächsische Urgeschichtsforschung. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 20, 1951, 3‑54.

Jacob‑Friesen, K. H. 1927: Vorwort zu Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 1, 1927.

Jahrbuch des Provinzialmuseums zu Hannover. Hildesheim 1, 1901/04 – 10, 1912/13; N. F. 1, 1926 – 6, 1931.

Jankuhn, H. 1969: Vorwort zu Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 38, 1969.

Köcher, A. 1885: Stiftung und Wirksamkeit des Historischen Vereins für Niedersachsen. Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 1885, 59‑88.

Nachrichtenblatt für Niedersachsens Vorgeschichte 1, 1920 ‑ 3, 1922; N. F. l, 1924 ‑ 3, 1926.

Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 1, 1927 ff.

Schnath, G. 1956: Der Historische Verein für Niedersachsen und die Urgeschichte. In: Zur Ur- und Frühgeschichte Nordwestdeutschlands (Festschr. f. K. H. Jacob-Friesen), Hildesheim 1956, 253‑268.

Schnath, G. 1964: Niedersachsen und Hannover. Vom Namen unseres Landes und seiner Hauptstadt. 4. Aufl. Hannover 1964.

Wegner, G. 1995: Vorwort zu Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 64/2, 1995.

 

Anschrift des Verfassers:

 

Prof. Dr. Gernot Jacob-Friesen

Ludwig-Beck-Str. 13

D-37075 Göttingen

Zurück