Landesausstellung 2004 / 2006

Helms-Museum

Hamburg-Harburg

ab 28.02.2006

 

   

 

„ArchäologieLandNiedersachsen“

25 Jahre Denkmalschutzgesetz – 400 000 Jahre Geschichte

von Frank Both, Oldenburg

In den Jahren 1985 bis 1987 präsentierte sich die niedersächsische Landesarchäologie, die staatliche und kommunale archäologische Denkmalpflege unter Einbeziehung der Museen, der universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit den damals wesentlichen Ergebnissen aus Ausgrabung und Forschung der Jahre 1979 bis 1984 in einer viel beachteten Wanderausstellung. Hauptziel war es, einen ersten Erfahrungsbericht nach fünf Jahren Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes und der daraus resultierenden Neuorganisation der archäologischen Denkmalpflege abzustatten.

Am 1. April 1979 trat das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz in Kraft. Aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums dieses Ereignisses wird wiederum eine archäologische Landesausstellung vorbereitet. In der Ausstellung soll nicht nur Bilanz gezogen werden, sondern auch die Ergebnisse der archäologischen Denkmalpflege aus den letzten zwei Jahrzehnten einer breiten Öffentlichkeit vermittelt werden. Die Geschichte Niedersachsens von den Anfängen in der Urgeschichte bis in die Gegenwart hinein wird rekonstruierend unter archäologischen Gesichtspunkten als interdisziplinäre Zusammenschau visualisiert werden. Das Leitmotto lautet: „Archäologische Befunde und Funde als Geschichtsquellen“. Eng verzahnt damit werden die Belange der archäologischen Denkmalpflege, die fortschreitende Denkmalzerstörung und die daraus resultierenden Herausforderungen für einen nachhaltigen Denkmalschutz in die Betrachtungen einbezogen.

Erst seit dem Inkrafttreten des Gesetzes 1979 besitzt das 1946 gegründete Land Niedersachsen eine umfassende, einheitliche Rechtsgrundlage für Denkmalpflege und –schutz. Die Erhaltung der archäologischen Kulturdenkmale als Dokumente unserer Geschichte war und ist für das ganze Land rechtsverbindlich. Dem Land wurde die Aufgabe zugewiesen, gemeinsam mit den Gemeinden und Landkreisen, den verschiedenen Kommunalverbänden sowie Eigentümern von Kulturdenkmalen und den in der Denkmalpflege tätigen Vereinigungen, für den Schutz, die Pflege und die wissenschaftliche Erforschung Sorge zu tragen. Archäologische Denkmale, Befunde und Funde sind in besonderer Weise geeignet, geschichtliche Entwicklungen und Fakten nachvollziehbar und anschaulich zu machen. Die Zerstörung archäologischer Denkmäler und Fundstellen ist gleichbedeutend mit dem unwiederbringlichen Verlust historischer Quellen.

Für die ur- und frühgeschichtliche Zeit bildet die Archäologie die einzige Geschichtsquelle. In jüngeren Zeithorizonten ergänzt sie die schriftliche Überlieferung oder tritt – wenn diese gänzlich fehlt – an ihre Stelle. Archäologische Denkmalpflege ist als Quellenerhalt und –schöpfung Voraussetzung für jede wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiet der Archäologie und damit als Basis für eine Geschichtsschreibung zu sehen. Neben dem historischen ist aber auch der Anschauungs- und Bildungswert ein wesentlicher Aspekt der Denkmalpflege. Obertägig sichtbare archäologische Kulturdenkmale sind ebenso wie im Bereich der Bau- und Kunstdenkmalpflege stark landschaftsprägende Elemente und dienen den Bürgern als Objekte der Identifikation mit ihrer Heimatgeschichte und Umwelt. Allein sie machen oft das Denken, Handeln und Vermögen einer bestimmten Epoche begreiflich.

Die Lebensformen und Lebensbedingungen des Menschen stehen und standen stets in engster Beziehung zu seiner Umwelt. Die klimatischen Verhältnisse, die Bodenqualität, der Wasserhaushalt, die Pflanzen- und Tierwelt, aber auch etwaige Rohstoffvorkommen und deren Nutzung wirken sich auf die Lebensumstände des Menschen aus. Umgekehrt reagiert der Mensch auf seine Umwelt und verändert sie. Diese Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur gab es zu allen Zeiten und ist unverändert noch heute wirksam und wird gerade in unserer hoch technisierten Welt wieder – trotz der scheinbaren Unabhängigkeit von der Natur – erlebt.

Damit ist einer der wichtigsten Punkte archäologischer Forschung und Denkmalpflege aktueller denn je, nämlich die Frage, wie sich der Mensch seit seinem Auftreten mit seiner Umwelt, der Natur mit allen Erscheinungen auseinandergesetzt hat, wie er sich im wahrsten Sinne des Wortes „die Erde untertan“ gemacht hat. Der Begriff „forschungsorientierte Denkmalpflege“ umschreibt das Bemühen der niedersächsischen Archäologen, denkmalpflegerische Maßnahmen an Forschungsfragen zu orientieren. Andererseits stimulieren auch Rettungsgrabungen die Forschung, denn jede Ausgrabung trägt zu einem erheblichen Erkenntnisgewinn bei.

Die Landschaften mit ihren nicht nur die Wirtschaft, sondern auch den Lebensrhythmus des Menschen bestimmenden Möglichkeiten, aber auch mit den vom Menschen bewirkten Veränderungen, bilden den roten Faden in der Ausstellung. Der Ansatz einer Gliederung nach Landschaften bietet sich besonders an. Niedersachsen hat mit seinem Querschnitt vom Wattenmeer bis ins Gebirge wie kein anderes Bundesland eine Vielschichtigkeit in der Naturlandschaft und damit verbunden in der archäologischen Fundlandschaft zu bieten. Zwischen den Naturräumen entsteht eine besondere Spannung mit einem dramatischen zeitlichen und kulturellen Gefälle z. B. im Neolithikum, wo es bereits vor 7000 Jahren in den Börden erste Bauern gab, während sich in nur 100 km Entfernung noch für weitere 1000 Jahre jägerische Lebensformen gehalten haben.

Niedersachsen hat sechs Naturräume zu bieten. Diese sollen die Schaubereiche der Ausstellung bestimmen. Innerhalb der Schaubereiche werden eine kurze Landschaftsbeschreibung und - in chronologischer Abfolge - die ausgewählten archäologischen Funde und deren historische Aussage präsentiert. Außer dem Harz als echtes Mittelgebirge, dem Berg- und Hügelland (Mittelgebirgsschwelle), dem Bergvorland, auch Lößbörden genannt, der Geest, den Mooren, sowie dem in Inseln, Watten und Marschen gegliederten Küstenland sollen die mittelalterlichen Burgen, die Stadtarchäologie, die Kirchen und Klöster sowie die Archäologie der Neuzeit mit der jüngst ins Blickfeld geratenen „Lagerarchäologie“ und ihrer Bedeutung bei der Aufarbeitung der Neueren Geschichte jeweils einen eigenen Schaubereich erhalten, der von der landschaftlichen Gliederung losgelöst ist. Zusätzlich können am jeweiligen Ausstellungsort regionale Aspekte eingeflochten werden. Dazu zählt vor allem die Funktion der ehrenamtlich Tätigen und der Unteren Denkmalschutzbehörden.

Um die Lebensformen und Lebensbedingungen des Menschen und den Zusammenhang zwischen Klima, der Pflanzen- und Tierwelt, dem Wasserhaushalt, der Bodenqualität sowie der Nutzung von Rohstoffvorkommen in seiner historischen Tiefe erforschen und in seiner vollen Komplexität darstellen zu können, ist die Archäologie auf Arbeitsergebnisse bzw. eine Zusammenarbeit mit Nachbarwissenschaften angewiesen. So werden sowohl in der Ausstellung als auch in den begleitenden Schriften und Veranstaltungen die Landschaftsräume und deren Entwicklung vorgestellt, die Geschichte der Vegetation, die Arbeit der Archäozoologie und Anthropologie und die beeindruckenden Ergebnisse der Archäometrie der letzten Jahre. Datierungsmethoden sind seit eh und je wichtig, um Befunde und Funde in einen zeitlichen Kontext stellen zu können. Neben archäologischen Zeitbestimmungen kommen die Radio-Karbon-Datierung, die Thermoluminizenz und die Dendrochronologie in Niedersachsen am häufigsten zur Anwendung.

Ein wesentlicher Bereich der Landesarchäologie, der staatlichen wie der kommunalen archäologischen Denkmalpflege, bleibt auch in Zukunft die Erfassung und Inventarisierung der Kulturdenkmale. Dies gewinnt verstärkt an Bedeutung, weil in Zukunft Beurteilungen und Stellungnahmen im Rahmen des Planungs- und Baugeschehens noch zügiger erstellt und die notwendigen Ausgrabungen im Gelände noch effektiver durchgeführt werden sollen, ohne dass auf den gewohnt hohen Qualitätsstandard verzichtet werden muss. Gerade in diesem Bereich ist die Entwicklung in jüngster Zeit verstärkt vorangetrieben worden. Die Anwendung des Internet-basierten und GIS-gestützten Fachinformationssystems ADABweb mit seinen zahlreichen Vorteilen wird in der Ausstellung ebenfalls thematisiert. Anhand von Großprojekten wie der Trassenarchäologie zeigt sich das archäologische Potenzial auch in „weißen“ Flächen. Von zunehmender Bedeutung sind naturwissenschaftliche Prospektionsmethoden, die zur Gewinnung von Planungssicherheit, dem Schutz archäologischer Flächendenkmale, zur Vorbereitung von Rettungsgrabungen oder in der Denkmalerfassung unerlässlich geworden sind.

Interdisziplinäres Arbeiten ist jedoch auch ein wesentlicher Bestandteil der „traditionellen“ Bereiche in der Archäologie. So haben beispielsweise die Siedlungsarchäologie, die Erforschung der Moore oder des (früh-)mittelalterlichen Berg- und Hüttenwesens (Montanarchäologie) jeweils eigene, besondere Verfahren und Arbeitsweisen entwickelt, die durch die enge Zusammenarbeit von Archäologie und Naturwissenschaften geprägt sind. Dementsprechend finden auch diese herkömmlichen Arbeitsfelder der Archäologie ihren Platz in der Ausstellung. Beispiele aus der Burgenforschung zeigen, welche Ergebnisse zum einen die traditionelle archäologisch-historische Landesaufnahme, zum anderen moderne naturwissenschaftlich-technische Prospektionsmethoden – insbesondere die geophysikalische und die Flugprospektion – erbringen können. So wurden z. B. für verschwunden gehaltene Burgen wiederentdeckt und als historische Quellen dokumentiert.

Die Ausstellung wird unter dem Dach der Archäologischen Kommission für Niedersachsen vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Hannover und dem Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg erarbeitet.

 

 

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