Aufgaben und Geschichte

der Archäologischen Kommission

30 Jahre Archäologische Kommission für Niedersachsen e.V.

 von Rolf Bärenfänger (gedruckt: Archäologie in Niedersachsen 3, 2000, 131-132)

Der Flächenstaat Niedersachsen hat auf seinen über 47.000 Quadratkilometern eine fast unermeßliche Fülle von archäologischen Denkmälern und Funden bewahrt. Sie sind die letzten Zeugnisse der über 500.000 Jahre alten Menschheitsgeschichte in Norddeutschland. Zu diesen „Bodenurkunden" gehören Spuren früher eiszeitlicher Menschen ebenso wie solche der ersten seßhaften, ackerbautreibenden Kulturen der Jungsteinzeit. Andere geben ein Bild von den metallverwendenden Kulturen der Bronze- und Eisenzeit. Die Funde bringen Licht in die Welt der Germanen zur Zeit der römischen Kaiser und spiegeln den Verlauf der Völkerwanderung; schließlich führen sie über das städtische und ländliche Leben des Mittelalters über die Neuzeit bis hin zur industriellen Revolution. Niedersachsen präsentiert diese Hinterlassenschaften in den verschiedensten Facetten: Von den Mittelgebirgen bis zur Nordseeküste haben die Menschen ihre Lebensgrundlage den regionalen Bedingungen allzeit sehr individuell abtrotzen müssen.

Die Archäologie packt immer dort an, wo die im Boden verborgenen Urkunden entziffert und zum Sprechen gebracht werden müssen, weil Schriftstücke und bildliche Überlieferung fehlen. Allein sie kann Fragen zur Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte beantworten, wenn andere Quellen ausfallen. Religion, Handwerk und Kunst vergangener Zeit sind nur durch die systematische Auswertung von Siedlungs- und Grabfunden u.v.m. erschließbar und verständlich.

Die Bewahrung dieses einzigartigen Erbes steht im ständigen Konflikt mit der modernen Entwicklung des Landes, die mit einer grundlegenden Umgestaltung durch Straßen- und Pipelinebau sowie der Schaffung von Neubau- und Gewerbegebieten einhergeht. Nach einer Erhebung des Niedersächsischen Landesamts für Statistik werden heute täglich 42.000 Quadratmeter Land mit Häusern und Straßen bebaut - welche Menge an Spuren unserer Geschichte geht dabei verloren?

Das Land Niedersachsen hat auf den zunehmenden Verfall seiner untertägigen Denkmäler erst relativ spät reagiert: Im Jahre 1978 löste das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz u.a. das Ausgrabungsgesetz des Deutschen Reiches von 1914 ab, gleichzeitig wurde das Institut für Denkmalpflege, heute Landesamt für Denkmalpflege, geschaffen. Vordenker auch dafür ist Prof. Dr. Herbert Jankuhn gewesen, der als Ordinarius an der Universität Göttingen schon in den 1960er Jahren für die Archäologie eine Standortbestimmung gegeben hat und landesweite Forschungsziele formulierte. Zur Bündelung der wenigen damals im Lande tätigen Fachkräfte hat er 1970 die Archäologische Kommission für Niedersachsen e.V. als Koordinierungsinstrument initiiert. Die Kommission ist von Beginn an als demokratische Institution mit Mitgliederversammlung, vierjährig zu wählendem Hauptausschuß und Vorstand etabliert worden, die Berufsverband und fachwissenschaftliche Vereinigung zugleich sein sollte. Sie sollte für das Ministerium beratend tätig sein und die archäologischen Arbeitsergebnisse veröffentlichen. So ist zusammengenommen die Förderung der Archäologischen Landesforschung in Niedersachsen in ihrer am 4. März 1970 beschlossenen Satzung festgeschrieben, sie will dies auch dort erreichen, wo Vorhaben über die Kraft eines einzelnen Wissenschaftlers oder den Arbeitsbereich einzelner Institute hinausgehen. Die Archäologische Kommission betreibt die Koordinierung von Forschungsvorhaben und die fachliche Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, außerdem stellt sie ausreichende Publikationsmöglichkeiten bereit.

 Nach 30 Jahren ist die Bilanz weder ernüchternd noch ermutigend: Die Archäologische Kommission hält mit Erfolg ihre jährlichen Tagungen an wechselnden Orten in Niedersachsen ab, um den fachlichen Austausch zu fördern. Sie ist nach wie vor in Koordination z.B. mit dem Landesamt für Denkmalpflege oder der Universität in Göttingen Herausgeberin der maßgeblichen archäologischen Fachzeitschriften in Niedersachsen, allen voran den Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, auch von Neue Ausgrabungen und Funde in Niedersachsen, dem Wegweiser zur Ur- und Frühgeschichte in Niedersachsen, den Materialheften zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens und der Archäologie in Niedersachsen. Gerade dieses jüngste Kind schickt sich an, Brücken zu schlagen, weil es rasch reagiert und weil es sich zuvorderst an die Öffentlichkeit wendet, den „Elfenbeinturm" also nach Kräften zu verlassen sucht.

Archäologie im Wandel: Anscheinend immer enger werdender finanzieller Spielraum der öffentlichen Hand steht versus nie dagewesenem und nicht endendem Flächenverbrauch. Zugleich besitzt Niedersachsen hinsichtlich der archäologischen Denkmalpflege eine der vielschichtigsten und (von außen) undurchschaubarsten Organisationsstrukturen, die es in Deutschland gibt. Dies mag gegenüber anderen Bundesländern als Defizit empfunden werden, ist jedoch hier tagtäglich geübte Praxis und Chance für die Zukunft. Unter dem Dach der Archäologischen Kommission ist der Zusammenhalt schließlich langjährig geprobt worden: Archäologen bei den Kommunen, den Landschaftsverbänden, den Bezirksregierungen, dem Landesamt, den Museen, dem Forschungsinstitut in Wilhelmshaven und der Universität ziehen im Verbund an einem Strang und bringen die archäologische Sache voran. Nicht zu vergessen sind dabei die Nachbarwissenschaften wie Botanik, Anthropologie, Geowissenschaften u.a.m., ohne die moderne Landesforschung undenkbar wäre.

30 Jahre Archäologische Kommission für Niedersachsen e.V. heißt zusammengenommen eine Generation von engagierten Forschern, die gelernt, aufgebaut und weiterentwickelt haben. Das Anforderungsprofil, dem sich die moderne Archäologie zu stellen hat, wird indes zusehends von Baumaschinen und Investoren geprägt. Die Kommission wird auch in der Zukunft keine Gelegenheit auslassen, den Gesetzgeber auf die veränderte Situation aufmerksam zu machen. Ihre Stärke liegt im Zusammenhalt der Kollegen, im Austausch sowie in der gemeinsamen Beurteilung der Verhältnisse, die unsere Umwelt in einer Art und Weise verändern, wie es vorangegangene Epochen nie gesehen haben!

Als aus mehreren historischen Staats- und - um weiter zurückzugehen - Stammesgebieten zusammengesetztes Bundesland trägt Niedersachsen Verantwortung für eine ganze Menge von „Geschichte". Wieviel Verlust von solch unwiederbringlicher historischer Substanz kann sich unser elaboriertes Gesellschaftswesen leisten? Die Archäologische Kommission mahnt - und sie arbeitet, weil sie sich den vor 30 Jahren entwickelten Zielen und den gestellten Aufgaben unvermindert verpflichtet fühlt!

 -» Literatur:

jankuhn, H.: Stand und Aufgaben der vor- und frühgeschichtlichen Forschung im westlichen Niedersachsen. Osnabrücker Mitteilungen 73, 1966, 1-12.

Satzung der Archäologischen Kommission für Niedersachsen e.V. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 57, 1988, 373-380.

 
Ein Abriß der Geschichte und der Aktivitäten der Archäologischen Kommission findet sich außerdem bei: H.-G. Peters, Die Archäologische Kommission für Niedersachsen - eine Bilanz. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 69, 2000, 375-388.
 
 

Speerspitze aus Schöningen (n. H. Thieme, AiN 1998)

 

 
 

Vorstand der Archäologischen Kommission für Niedersachsen e.V.

Dr. Rolf Bärenfänger (Vorsitzender)                Dr. Michael Geschwinde (2. Vorsitzender)

Axel Friederichs M.A. (Schatzmeister)            Dr. Elke Först (Schriftführerin)

 

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